Birigoyo

Über den Birigoyo auf die Vulkanroute

“Ja, also geht doch erstmal auf unseren Hausberg. Den Birigoyo”.  Wir sind zum ersten Mal auf La Palma, ganz frisch. Es ist Anfang Mai. Wir haben kaum Kondition in den Beinen, blasse Haut wie Kellerkinder und wollen klein anfangen. Klein und “klein nach palmerischen Maßstäben” unterscheiden sich ganz offensichtlich. Drei Stunden später haben wir den Verdacht, unser netter Hausverwalter, der uns die Mietwohnung übergeben hat, wollte uns ganz subtil aber nachhaltig wieder loswerden. Denn der Birigoyo ist nicht unbedingt ein Spaziergang.

El Pilar
El Pilar – nicht immer so neblig.

Startpunkt der Tour ist – wie so häufig auf La Palma – das Refugio El Pilar. Refugios finden sich auf der Insel überall: Sie sind Rückzugsorte, die meist die Insulaner nutzen. Ein öffentliches WC, mehrere Grillhütten, Spielgeräte für Kinder, Bänke, Tische und drum herum: Bäume mit viel Schatten – kurzum: alles, was es in einem warmen Land braucht, um sich ein wenig aus dem Alltag zurückzuziehen. El Pilar kann – wenn auch auch geografisch wie geologisch wohl nicht hundertprozentig korrekt – als Schnittpunkt der beiden Cumbres gewertet werden. An diesem Sattel treffen Cumbre Vieja und Cumbre Nueva aufeinander. Oft ziehen die Wolken des Passats hier herein, es ist meist etwas kühler und feuchter. Und es duftet nach Pinien. Denn die gedeihen hier prächtig und filtern die Feuchtigkeit aus den Wolken.

So wie in Europa alle Wege nach Rom führen, führen auf La Palma (fast) alle Wege zu El Pilar beziehungsweise von hier fort. Kein Wunder, dass dass Refugio Dreh- und Angelpunkt des Transvulcania ist, eines der härstesten Ultra-Marathons der Welt. Einen kleinen Teil der Laufstrecke gehen wir auch auf unserem Weg zum Birigoyo.
Durch dichte Pinien- und Farnwälder geht es stetig bergan. Der Boden ist weich, Piniennadeln schmiegen sich an die Wanderschuhe. Es duftet ein wenig nach Erkältungsbad. Und schon nach wenigen hundert Metern öffnet sich der erste spektakuläre Blick…

Blick auf die Caldera
Blick auf die Caldera.

… auf die Caldera und den vorgelagerten Pico Bejenado, einen nicht mehr aktiven Vulkan (so wie fast jeder größere Berg auf der Insel). Noch wissen wir nicht und können es uns auch nicht vorstellen, dass wir auch auf diesem einmal stehen würden.

Weiter windet sich der Pfad, perfekt ausgeschildert. Denn das können die Palmeros: Dem Ruf “Wanderinsel” wird das Eiland gerecht. Wer deutsche Wegmarkierungen gewohnt ist, wird auf La Palma nicht enttäuscht. Langsam lichten sich die Bäume ein wenig und unvermittelt, ohne dass man bereits viele Meter in den Beinen spürt, zeigt ein kleines Schildchen nach links. “Birigoyo” sagt es an und da wollen wir hin. Der Weg wird nun etwas schwieriger: Fest ist hier fast gar nichts mehr. Geröll in allen Variationen zwischen kopfgroß bis sandfein knirscht unter den Füßen. Und die Baumgrenze durchbrechen wir schnell: Der Birigoyo ist eine überdimensionierte Sandburg: Hier ein Büschelchen, dort ein Bäumchen, überall flirrende Luft. Der Berg glüht in der Sonne. Und obwohl der Gipfel nahe ist, ist der Weg weit: Wir müssen einmal komplett um einen kleinen Krater herumwandern.

Birigoyo-Krater
Am Rande des Birigoyo-Kraters.

Steine knischen unter den Füßen, die Sonne strahlt vom überblauen Himmel. Das Licht auf La Palma ist anders als in der Heimat. Und das ist keine Spinnerei des Gehirns: Wer sich mit den manuellen Funktionen einer Spiegelreflexkamera auskennt, merkt schnell, dass er mit den üblichen Werten nicht weit kommt. Dieses Licht macht sich auch auf der Haut bemerktbar: Gut eincremen ist Pflicht. In den ersten Tagen muss es mindestens die 30’er-Creme sein. Sonst: Aua!

Aua haben wir rasch in den Beinen. Doch endlich nähert sich der Gipfel des kleinen “Hausberges”. Der ist übrigens 1807 Meter hoch und damit spürbar höher als etwa der Brocken. Vom Blockberg allerdings kann man, anders als vom Birigoyo, nicht das Meer sehen. Hier liegt es zu beiden Seiten. In der Ferne ist Teneriffa zu sehen. Ein Traum. Vor uns: im Osten die Hauptstadt, dann die Cumbre, El Paso, das Aridane-Tal mit Los Llanos, endlose Bananen-Plantagen, dann wieder der Atlantik.

Wolkenfall
Wolkenfall über der Cumbre, gesehen vom Pico Birigoyo aus.

Im zweiten Wanderjahr auf der Insel zeigt sich uns an gleicher Stelle der berühmte Wolkenfall: Der Passat drückt die Wolken gegen die Ostseite der Insel. Die Wolken steigen langsam auf, schwappen über den Berghang und lösen sich in der Hitze der Weststeite auf.
Beim ersten Besuch auf La Palma ist es jedoch beinahe wolkenlos. Wir haben zu wenig Wasser dabei, sind völlig fertig, erklären unseren sehr freundlichen Hausverwalter für verrückt und machen uns auf den Rückweg. Schon nach wenigen Metern kommt uns ein einsamer Holländer entgegen. Er ist rot wie ein Hummer. Auf Englisch erklärt er, er wisse nicht mehr wo er sei. Ob wir ihn ein paar Meter mitnehmen können. Das machen wir. Er stolpert mehrfach. Erzählt, er habe seinen Wanderweg verlassen und nicht mehr wiedergefunden. Erst als wir wieder auf dem schattigeren Wanderweg sind, wird er zielstrebiger, bedankt sich und macht sich in Richtung El Pilar davon. Wir folgen ihm…

Nicht so im zweiten Wanderjahr. Deutlich fitter, ist der “Hausberg” diesmal tatsächlich fast ein Spaziergang. Uns zieht es weiter – auf die Vulkanroute auf der Cumbre Vieja. Sie ist rasch erreicht: Vom Rücken des Birigoyo gelangen wir über viele kleine Bergspitzen auf die wohl berühmteste Strecke der Insel. Wir gehen entgegen der Laufroute der Ultra-Läufer der Transvulcania. Und haben Respekt für sie: um 6.30 Uhr in der Frühe wird auf Meereshähe gestartet. Die 73 Kilometer bis zum Ziel sind ein stetiges Auf und Ab auf Vulkanen mit rund 8500 Höhenmetern. Die Schnellsten laufen nach knapp sieben Stunden ins Ziel. Die langsamen brauchen gut 17 Stunden. Ich würde zwischenzeitlich einfach von der Vulkanroute ins nächste Gebüsch kippen.

Die Route ist tückisch: Das nächste Ziel ist stets in Sicht, auf den Schildern stehen keine großen Zahlen: 1,3 Kilometer bis auf den nächsten Pico, von dort 0,9 Kilometer zur nächsten Weggabelung… so reiht sich ein “Nur noch bis da!” an das nächste. Wer das Spielchen bis zuende spielt, steht am Schluss an den Salinen von Fuencaliente und hat run 19 Kilometer zurückgelegt. Mit dem Taxi kann man sich wieder nach El Pilar bringen lassen – das dauert aber und ist sicher nicht ganz billig. Besser, man teilt die Strecke wie wir in Etappen und geht diese dann von unterschiedlichen Startpunkten aus an.

Nambroque und Hoyo Negro
Nambroque (l.) und Hoyo Negro (r.) an der Vulkanroute.

Als Umkehrpunkt bietet sich der Nambroque an. Der 1924 Meter hohe Berg ist die zweithöchste Erhebung der Cumbre und liegt nur wenig abseits der Route. Von ihm aus bietet sich ein erhabenes Panorama, auf dem der Birigoyo nur eine von vielen kleinen Erhebungen ist. Beinahe nebenan: der beeindruckend tiefe Krater Hoyo Negro. Aus der Nähe sieht er alles andere als negro, schwarz aus, auf Fotos macht der Krater seinem Namen “Schwarzes Loch” jedoch alle Ehre. Wir können bis an die Bruchkante gehen. Doch dann und wann rieselt etwas Sand in das Loch – Abstand ist hier ein guter Ratgeber.

Wir kehren um, obwogl die nächsten Ziele verlockend nahe erscheinen. Nach knapp zwei Kilometern kann man die Vulkanroute verlassen – wir gelangen auf einen deutlich bequemeren Pfad unterhalb der Route, der rasch auch wieder ein paar schattenspendende Bäume zu bieten hat. Der duft von Pinien erfüllt wieder die Luft und beschwingten Schrittes nähern wir uns unserem Ausgangspunkt: El Pilar.

Von El Pilar über den Birigoyo auf die Vulkanroute:

Nur die nicht vorhandene Einkehrmöglichkeit verhindert die Spitzenwertung: Lediglich an Start und Ziel - El Pilar - kann man sich ausruhen und Mitgebrachtes genießen. Wem die Einkehr völlig egal ist, der erlebt eine einmalige Tour mit Blick auf den Atlantik im Osten und Westen der Insel, auf die Caldera und in das Aridane-Tal. Die Urkraft der Vulkane wird bei jedem Schritt, bei jedem Blick in die Landschaft spürbar.

Konstitution:4 Stars (4 / 5)
Strecke:3.5 Stars (3,5 / 5)
Landschaft:4.5 Stars (4,5 / 5)
Einkehr:2 Stars (2 / 5)
Gesamtwertung:3.5 Stars (3,5 / 5)
Eine absoulte Empfehlung! Sonnencreme und viel Wasser einpacken.
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